Endlich bin ich soweit, dass ich etwas darüber schreiben kann. Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich dieses unerwartete Erlebnis verdaut hatte. Es begann am Freitag, den 8.November 2002…
Gegen Mittag war ich mit meiner Nachbarin Mira im Auto auf dem Weg zum Bäcker in der Stadt, weil wir beide dort verabredet waren. Aber es kam alles ganz anders. Wir fuhren eine vielbefahrene Strasse am Bai Ma Park in Nanjing entlang. Gleich neben der Strasse, sahen wir eine rote Decke unter einem Baum liegen mit einem Baby darin - unglaublich! Ich drehte sofort um und ging zu der Stelle zurück. Inzwischen waren schon zwei Fußgänger stehen geblieben und sahen das Baby an, ohne irgendetwas zu tun. Da wir ein Auto hatten, beschlossen wir, das Baby mitzunehmen und zu einem Arzt zu bringen. Im Auto entdeckten wir, dass es ein kleiner Junge war. Er hatte einen Zettel an der Brust heften mit seinem Geburtsdatum und 30 RMB (ca. 3 Euro). Das Geburtsdatum war sowohl in chinesischen Schriftzeichen als auch in westlicher Schreibweise geschrieben. Das kleine Baby war ganz still und schlief weiter. Mira und ich sind seitdem unzählige Male wieder an dem Baum vorbeigekommen.
Das erste, was uns einfiel, war ihn zu unserem europäischen Arzt zu bringen. Leider kamen wir gerade zu spät - er war schon zur Mittagspause gegangen. Dann beschlossen wir, zum Waisenhaus zu fahren, das gleich in der Nähe war. Auch dort war niemand im Büro anzutreffen, vermutlich aus demselben Grund - Mittagspause. Wir suchten dort auch nicht weiter nach jemanden, denn ich hatte ein ungutes Gefühl und wollte das Baby nicht hier lassen. Also gingen wir schnell zum Auto zurück und beschlossen, zu unserem ursprünglichen Ziel in die Bäckerei zu fahren. Wir vermuteten, dort den Arzt beim Mittagessen zu treffen.
In der Zwischenzeit hatte ich meinen Mann Jos und Mira ihren Mann Mike informiert. Jos war völlig baff und wusste nicht so recht, was er sagen oder tun sollte. Mike hatte den Nachmittag frei und beschloss, zu uns zu kommen und uns zu helfen und jedwede Unterstützung zu bieten. Mira kaufte Milch und eine Babyflasche im Supermarkt gegenüber und als der Arzt tatsächlich auftauchte, entschieden wir, das Baby für eine Untersuchung in die Praxis zu bringen.
Auf den ersten Blick schien der Junge gesund, obwohl er sehr dünn war und sehr trockene Haut hatte. Er war auch ein bisschen gelb, aber das ist bei Babys in seinem Alter nicht ungewöhnlich. Uns fiel aber auf, dass dem Baby offensichtlich Blut entnommen worden war und deshalb entschied unser Arzt, nicht noch mehr Blut zu nehmen. Seine Assistentin bemühte sich, Informationen von dem Krankenhaus zu bekommen, von dem wir vermuteten, dass das Baby dort gewesen war - aber vergebens. In der Zwischenzeit kam Mike. Wir überlegten, ob wir das Baby einfach mit nach Hause nehmen und keinem davon erzählen sollten. Aber ich stellte mir vor, dass die Mutter von alldem nichts wusste und der Vater das Kind ohne ihr Wissen ausgesetzt hatte und sie das Kind suchen würde, oder dass die Eltern es sich anders überlegen könnten, oder nicht auszudenken, wenn dem Baby etwas passieren würde und es in unserem Haus sterben würde, wie könnte ich das erklären? Ohne die Behörden zu informieren, könnten wir ganz schönen Ärger bekommen. Aber das würde heißen, dass wir zum Waisenhaus müssten. Letztendlich hielten wir es für das Beste, das Baby registrieren zu lassen und weil wir dem Baby nicht noch mehr Autofahrten zumuten wollten, gingen wir nach Hause.
Sobald wir zu Hause waren, fütterten wir das Baby mit Milch und gaben ihm eine frische Windel. Wir hatten einige winzige Windeln, die der Babypuppe meiner Tochter gehörten. Natürlich machten wir auch ein paar Fotos und dann kamen die Kinder heim. Ihnen tat es sehr leid für das Baby, dass es ausgesetzt worden war, aber sie fanden es auch aufregend und toll. Man bekommt nicht alle Tage einfach so einen kleinen Bruder.
Meine jüngste Tochter fragte: „Hat er eigentlich schon einen Namen?" Sie sah sich den kleinen Kerl genau an und fand, „Loetje" wäre ein passender Name für ihn. Von dem Moment an war er für alle von uns Loetje.
Loslassen
In der Zwischenzeit sind Mike und sein Assistent, der nachgekommen war, ins Waisenhaus gefahren. Von dort aus wurden sie zur Polizei geschickt, um unser Findelkind zu registrieren. Sie wurden bei ihrer Ankunft schon erwartet, denn das Waisenhaus hatte sie schon benachrichtigt. Die Polizei notierte unsere Namen, das Datum und den Fundort und fragte, ob wir noch zusätzliche Informationen hätten. Mike rief uns an und teilte uns mit, dass sie in Begleitung der Polizei nach Hause kommen würden, um das Baby abzuholen und ihn ins Waisenhaus zu bringen. Wir fragten, ob wir mitkommen könnten und waren sehr froh, dass sie zustimmten und es kein Problem darstellen würde. Mira blieb bei den anderen Kindern und bei meiner Tochter und Mike und sein Assistent kamen mit.
Wir fuhren hinter der Polizei her und ich hielt Loetje die ganze Zeit. Die Fahrt ins Waisenhaus war sehr bedrückend und nahm mich sehr mit. Da ich jede Woche im Waisenhaus als Ehrenamtliche arbeite, hatte ich die Hoffnung, dass sie mir vertrauen würden und mich den Kleinen mit nach Hause nehmen lassen würden, so dass ich mich um ihn kümmern könnte. Es war gegen 17Uhr, als wir am Waisenhaus ankamen. Einige der Pflegerinnen machten sich gerade auf den Weg nach Hause. Sie begleiteten uns zurück und sagten, es wäre Schicksal, dass ich den kleinen Jungen gefunden hatte. Danach sprachen wir zwei Stunden lang mit den Abteilungsleitern des Waisenhauses, aber es klappte nicht. Die Regeln sind strikt und wir konnten sie nicht umgehen. Ich musste ihn zurücklassen. Plötzlich wurde die Prozedur extrem formal und ich musste Loetje dem Polizisten geben, so dass er ihn dem Waisenhaus übergeben konnte. Zum Glück durften wir mit dem Kleinen nach oben gehen. Eine der Pflegerinnen badete ihn und ein Arzt kam zur Eingangsuntersuchung. Danach zogen sie ihm Kleider aus dem Waisenhaus an und er wurde ins Bett gelegt. Nachdem wir uns vergewissert hatten, dass er warm und bequem lag, gingen wir nach Hause.
Am Montag wollte mir der Vorstand Bescheid geben, ob sie für mich eine Ausnahme machen konnten, weil sie mich gut kannten und wussten, dass mir Babys sehr am Herzen liegen. Bis Montag durfte ich so oft zu Besuch kommen, wie ich wollte und konnte auch den ganzen Tag bei ihm bleiben. Das ist schon etwas besonderes, denn normalerweise bleiben die „Finder" völlig außen vor. Ihn zurückzulassen war sehr schmerzlich und ich war sehr emotional, auch wenn es verrückt klingt. Schließlich war es nicht mein Kind und ich kannte ihn nur etwas über sechs Stunden.
Reaktionen und Kommentare
Während des Wochenendes bekamen wir einige Reaktionen von Chinesen in unserer unmittelbaren Umgebung, z.B.
Vielleicht war die Mutter nicht verheiratet.
Vielleicht war es das zweite Kind (obwohl das ungewöhnlich wäre, denn es war ein Junge.)
Wahrscheinlich stimmt etwas nicht mit ihm und die Eltern haben kein Geld für das Krankenhaus.
Vielleicht hat die Familie Druck ausgeübt, denn man darf nur ein Kind haben, und dann sollte es doch wenigstens gesund sein. Wenn man noch kein Kind hat, hat man noch eine zweite Chance.
Hier in China muß man ein Kind nicht innerhalb von 24 Stunden anmelden wie in Europa. Auch mit der Namensgebung kann man warten.
Wir hatten auch unsere eigenen Erklärungen:
Man konnte sehen, dass es kein impulsiver Akt war. Die Stelle war in einer sehr belebten Strasse ausgesucht worden. Sie hatten einen Zettel geschrieben und etwas Geld beigelegt. Er war gut versorgt, warm angezogen und in eine Decke gewickelt.
Es war sehr schwer für uns zu verstehen, warum jemand so etwas tat. Es kann für die Eltern nicht leicht gewesen sein, das zu tun - die ganze Schwangerschaft und sich dann noch acht Tage um ihn zu kümmern.
Ich frage mich, was in den Eltern und insbesondere in der Mutter vorgeht. Es ist einfach nicht möglich, so etwas zu tun.
Die Entscheidung des Waisenhauses
Montag, 3 Tage später
Ich verbrachte so viel Zeit wie möglich mit unserem kleinen Jungen im Waisenhaus. Deshalb war es ein sehr unruhiges Wochenende. Dem Jungen ging es soweit gut, am Anfang schlief er die ganze Zeit und trank wenig. Dann begann er besser zu trinken, leerte seine Flasche fast und begann, sich umzusehen. Seine Haut hat sich auch verbessert, er ist weniger faltig und füllt seinen Körper besser aus. Er ist winzig klein. Dem Zettel nach ist er am 31. Oktober geboren und nun 11 Tage alt.
Leider hat man mir heute mitgeteilt, dass es nicht möglich ist, ihn mit nach Hause zu nehmen. Im Waisenhaus hat man den Verdacht, dass mit seinem Herzen etwas nicht stimmt und sie wollen ihn unter Beobachtung halten und auch gründlich untersuchen. Sie können mir noch nicht sagen, wann das genau sein wird, aber sie wollen mich auf dem Laufenden halten. Ich kann ihn weiterhin besuchen, sooft ich will und allein das macht mich sehr froh. Ich darf ihn füttern, ihn streicheln, mit ihm kuscheln und die Windeln wechseln. Das ist schon etwas ganz besonderes im Waisenhaus, denn normalerweise haben nur wenige Außenstehende Zutritt und die freiwilligen Helfer dürfen nur mittwochs kommen. Es ist ein Durchbruch, aber dennoch nicht so ganz das, was ich eigentlich will. Ich hätte ihn gern bei uns zu Hause und würde gerne in unserer eigenen Umgebung für ihn sorgen. Jetzt müssen wir einfach abwarten.
Alles ist so schnell passiert und irgendwie ist es auch ein bisschen verwirrend. Auf der anderen Seite auch wieder nicht…Nach nur einem Wochenende fühle ich mich wie die Mutter eines weiteren Kindes.
Überlegungen und Pläne für die Zukunft
Das, was passiert ist, hat mich ziemlich durcheinander gebracht, aufgewühlt und ich fühle mich irgendwie komisch. In Holland ist es nicht an der Tagesordnung, ein Kind zu finden.
Ich habe erfahren, dass man sich um eine Pflegefamilie kümmert. Das heißt also, dass es möglich ist, ein Kind vorübergehend mit zu sich nach Hause zu nehmen. Ich hatte gehofft, dass das eine Möglichkeit für unseren kleinen Jungen ist, aber für eine ausländische Familie scheint es weitaus schwieriger zu sein als für eine chinesische Familie. Adoption? Ja, das ist eine ganz andere Geschichte. Wie dem auch sei, das ist auf jeden Fall ein Gedankenspiel, aber ich würde wirklich gerne mehr über seinen Gesundheitszustand wissen.
Untersuchung beim Kardiologen
Unser kleiner Junge Loetje hat nun im Waisenhaus einen offiziellen Namen bekommen - er heißt jetzt „Shi Xue Song", was übersetzt soviel bedeutet wie „gefunden unter einer schneebeladenen Kiefer". Wir werden ihn weiterhin Loet oder Loetje nennen, weil wir uns daran gewöhnt haben. Plötzlich wurde Loet sehr krank. Als ich ins Waisenhaus kam, war er nicht mehr dort, sondern auf der Krankenstation, die zum Waisenhaus gehört. Er hatte eine Infusion an seiner Stirn und wurde mit einer Maske beatmet. Die Krankenschwestern konnten nicht erklären, was genau los ist, warum er so schwer atmen konnte und warum er so krank war. Sie hatten mir schon gesagt, dass er Probleme mit seinem Herzen hat, aber ohne gründliche Untersuchung konnten sie mir nicht sagen, was genau das Problem ist.
Die Krankenschwestern teilten mir mit, dass er auf der Warteliste für eine kardiologische Untersuchung im Krankenhaus steht, aber es würde mindestens zwei Monate dauern, bis er an der Reihe ist. Ich konnte nicht akzeptieren, dass die Untersuchung erst so spät stattfinden sollte, also suchten wir nach anderen Optionen. Zuerst erkundigten wir uns beim Waisenhaus, ob sie nicht einen früheren Termin bekommen konnten, weil sein Zustand so schlecht ist. Da die Ärztin im Waisenhaus gerade nicht da war, machte man uns wenig Mut, aber wir durften am Nachmittag noch mal anrufen. Aber sie befürchteten, dass die Ärztin die Wartezeit nicht verkürzen können würde. Die Waisenkinder müssen warten, bis sie an der Reihe sind, wie alle anderen Kinder auch.
In der Zwischenzeit hat sich Susanne, eine andere Freiwillige im Waisenhaus, bei unserem westlichen Arzt in der SOS Praxis erkundigt, ob er einen guten Kardiologen kennt. Und er kannte tatsächlich jemanden: Dr. Kong. Aufgrund dieser Verbindung erhielten wir noch am gleichen Nachmittag einen Termin für eine Untersuchung.
Aber zuerst mussten wir im Waisenhaus um Erlaubnis fragen. Leider durfte Loet nicht mit uns kommen, weil er Fieber hatte. Als wir Dr. Kong anriefen, um den Termin abzusagen, sagte er einfach, er würde am Abend ins Waisenhaus kommen und ihn dort untersuchen. Wir waren sehr glücklich über diesen Vorschlag, aber wir mussten wieder um Erlaubnis bitten. Zum Glück bekamen wir sie auch, zwar nicht für den gleichen Abend, aber für den nächsten Tag.
Donnerstag, 16.00 Uhr
Und so ging es weiter. Der Kardiologe Dr. Kong kam am nächsten Tag. Im Waisenhaus taten sie alles nur Mögliche und hatten sogar eine Röntgenaufnahme gemacht. Dr. Kong entpuppte sich als sehr ruhiger und netter chinesischer Spezialist, der in Deutschland studiert hat und fließend Englisch und Deutsch sprach. Somit war die Verständigung völlig unkompliziert und sehr nett. Besser hätte es nicht sein können! Während der Untersuchung diagnostizierte Dr. Kong ein deutliches Rauschen im Herz, aber Loetje musste zu einer genaueren Untersuchung ins Krankenhaus. Zusammen mit Dr. Kong besprachen wir mit den Verantwortlichen im Waisenhaus die Lage. Die Direktorin gab die Erlaubnis für weitere Untersuchungen, wollte aber eine Garantie dafür, dass wir eine mögliche Behandlung finanzieren würden. Es klang ziemlich grausam, aber ich war mit dieser Entscheidung einverstanden. Das Waisenhaus hat keine Mittel für kostspielige Untersuchungen für die Waisenkinder, und deshalb wollen sie das Baby keinen unnötigen Belastungen aussetzen, wenn dann eine Behandlung gar nicht finanziert werden kann. Ich hatte den Eindruck, dass sie wirklich alles in Erwägung ziehen, was die Möglichkeiten und Zukunft der Waisenkinder betrifft. Nachdem wir die Situation mit unserer Familie und Freunden besprochen hatten, beschlossen wir, für die weitere Behandlung aufzukommen. Wir stimmten zu, dass Loetje weiteren Untersuchungen unterzogen werden soll, sobald er wieder bei Kräften ist.
Die Freiwilligen und die Arbeitsgruppe
Seit ungefähr 5 Jahren durften um die acht ausländische Frauen mittwochs im Waisenhaus ehrenamtlich helfen. Deshalb hatten wir eine gute Beziehung zum Waisenhaus allgemein und insbesondere zu den Kindern, den Mitarbeitern und zum Management. Seit wir Loetje dorthin gebracht hatten, konnten wir auch über andere Dinge sprechen, die das Waisenhaus betrafen. Die Direktorin erzählte uns, dass es noch 10 weitere Kinder gab, die Herzfehler hatten. Aufgrund der Sprachbarriere hatten wir das vorher gar nicht mitbekommen. Eines dieser 10 Kinder war genau an diesem Morgen gestorben, und ein anderes Mädchen, das ich gut kannte, Nanna, war zur gleichen Zeit auf der Krankenstation und ziemlich krank. In ihrem Fall war mir bewusst, das sie Herzprobleme hatte.
Aufgrund dieser Informationen entschlossen wir uns, eine Arbeitsgruppe zu starten, und aus dieser Gruppe entwickelten wir „Hopeful Hearts", um zu sehen, ob wir helfen und diese spezifische Situation verbessern konnten. Am Anfang fingen wir mit ein paar Freiwilligen an, von denen einige bereits im Waisenhaus tätig waren.